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Strg-C, Strg-V – die gespaltene Nation



Deutschland befindet sich in einer ungewöhnlichen Lage: ein Teil des Volkes empört sich űber akademische Ehren, die sich ein Bundesminister durch eine an ungekennzeichneten Zitaten reiche Dissertation erschlichen hat.

Ein anderer Teil desselben Volkes bejubelt den Minister als modernen Hoffnungsträger, dessen akademische Sűnde als verzeihlich gilt, weil sie ohnehin inzwischen Standardpraxis in Schule und Universität sei.

Ein Teil betrachtet den ehemaligen Doctor iuris als ungeeignet fűr ein hohes politisches Amt, der andere Teil bescheinigt ihm die Qualifikation fűr noch höhere Ämter, einschliesslich der Kanzlerschaft.

Man geht wohl nicht fehl in der Annahme, dass die Kritiker in erster Linie dem gebildeten Bűrgertum angehören, der jubelnde andere Teil aber der fernsehintensiven Unterschicht.

Keine Frage: die Unterschicht stellt die Mehrheit. Wenn heute der Ex-Doktor zur Wahl stände, wűrde er mit grosser Mehrheit gewinnen. Die Wähler wűrden der akademischen Ehrlichkeit eine Absage erteilen und das Prinzip Dissertation als akademischen Zopf abschneiden.

Wer hat recht?

Spätestens, wenn ein Mitglied der bildungsfernen Unterschicht auf dem Operationstisch liegt und von einem Doktor operiert wird, der seine Qualifikation erschlichen hat, wird sichtbar, dass eine moderne Gesellschaft ohne akademische Ehrlichkeit nicht bestehen kann.

Dissertationen sind kein alter Zopf. Sie sind als Nachweis wissenschaftlichen Denkens und fachlicher Qualifikation unabdingbar. Sie stellen oft die grösste einzelne Leistung im Leben eines Akademikers dar. Mehrere Jahre harter Arbeit sind die Regel. Mitunter entgleist zwar das Prinzip: die Abfassung einer Dissertation, und die anschliessenden Prűfungen können einen jungen Menschen so erschöpfen, dass er oder sie sich vorzeitig verausgabt hat und später beruflich auf keinen grűnen Zweig mehr kommt.

Von solchen Extremfällen abgesehen, täte Deutschland gut daran, seinen akademischen Standard zu verteidigen und ihn nicht von einer unwissenden und teilweise sogar bildungsfeindlichen Unterschicht aufweichen zu lassen.

Politiker, die heute auf die Wählerstimmung schielen, bringen sich in den Verdacht, Unterschleif zu tolerieren, wenn es ihnen nűtzt. Wer sich mit dem Abkupferer gemein macht – und das gilt auch fűr die Kanzlerin – muss akzeptieren, dass er oder sie Glaubhaftigkeit und Vertrauen einbűsst. Es ist sicherlich richtig, dass die akademischen Ehren solcher Politiker ebenfalls eingehend geprűft werden.

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—— BB